„Tu das nicht!“, sie flüstern leise. Aber kontinuierlich. Sie kann sie hören, immer schneller und schneller. Alles beginnt sich zu drehen.
Es ist eine drückende Leere. Es könnte daran liegen, dass ihr Haus sehr groß ist, ein Haus mit vielen stillen, leeren Räumen. Wenn man auf und ab geht, durch die Leere, kann man sie schon fast hören., diese erdrückende alles umfassende Leere.
Sie schreien sie an: „ Setz dich nicht hin! Ruh dich nicht aus! Du hast nichts zu tun? Such dir etwas!“ „Nein!“, denkt sie, sie will das nicht mehr! Aber sie drängen sie, zwingen sie, lassen nichts andere zu. Angst vor der Leere, die Zeit nicht füllen zu können, niemand ist da um ihr zu helfen, beizustehen.
„Wieso sollte jemand da sein?“, schreien sie. „Wieso für dich?“
Sie wird unruhig, schreitet immer schneller die Räume ab, von Fenster zu Fenster, mit dem Blick nach außen gewandt. Schnee, Eis, grauer Himmel, im Haus gegenüber brennt das Kaminfeuer. Das Glück ist förmlich zu riechen. Ein Vater, der seine Tochter in den Arm nimmt, im Ofen steht das Essen. Rote, goldene Weihnachtskugeln am Baum, der Adventskranz auf dem Tisch, alle Kerzen sind schon hinunter gebrannt. Bald ist es vorbei.
„Schau genau hin“, schreien sie. Angewidert zieht sie die Vorhänge zu. Jetzt ist es dunkel, dunkel und leer. Fast ein wenig unvollkommen.
„Es muss perfekt sein!“, schreien sie. „Ich kann das nicht“, antwortet sie. Auf dem Boden, Tränen laufen über ihre Wangen, kalt wie die Eisblumen am Fenster. Vielleicht sollte sie mehr glauben. Aber sie glaubt nicht, zu irrational für ihre Gedanken.
Die Angst bleibt, das Leben nicht füllen zu können. Die Eisblumen bedecken mittlerweile das ganze Fenster.
Der nächste Raum, das nächste Fenster. Sie legt ihre Handfläche auf das kühle Fenster auf, fühlt die Kälte ihre Arme hinauf laufen, sie durchdringt ihren Rücken, ihr Herz. Das einzige was sie fühlt ist die Kälte der Eisblumen. Durch die vereiste Glasscheibe fällt ihr Blick mechanisch auf die Straße. Fachwerkhäuser, ein kleines deutsches Dorf, Lichterketten und Kerzen in den anderen Fenstern, vereinzelt Menschen, die die Straße entlang huschen und meterhohe Schneeberge, freigeschaufelte Straßen.
Gleichgültig streift ihr Blick über das Glück. „Glück ist das Ende des Erfolges“, schreien sie. Vielleicht haben sie recht. Sie waren immer da. Sie haben sie nie alleine gelassen, sind nie aus ihrem Leben getreten, haben sie immer begleitet, die Einsamkeit überbrückt. Warum sollten sie verschwinden?
„Ihr tut mir weh“, sie weint. „Man lernt nur durch Schmerzen“, schreien sie. Sie werden immer lauter, ihre Angst immer größer. Sie will nicht denken, will nicht auf sie hören, sie will sie verstummen lassen. Will, dass es aufhört, dass alles endlich ein Ende nimmt. Stille, nur Stille, keine Leere. Ihr Weg ist vorgezeichnet, Stille sollte auf diesem Weg nie eine Rolle spielen.
Zeichnen, lesen, sie wollte das Theaterstück noch zu Ende lesen, herausfinden, welcher Darsteller sich erhängt. Sie hat einen Hang zu dieser Art der Literatur. Sie kennt die Charaktere, noch vor der ersten Szene, vor dem ersten Wort. Sie weiß um ihre Gedanken, ihre Gefühle, ohne sie zu kennen. Sich ablenken, normale, alltägliche Dinge tun. Aber das darf sie nicht. Sie treiben sie an. Sie schreien.
Sie genügt ihnen nicht. Jeder erwartet, aber niemand erkennt. Jeder fordert, aber niemand würdigt. Jeder liebt, aber niemand bedingungslos. Jeder hofft, aber handelt nicht. Jeder ist glücklich aber niemand ist echt. Jeder strebt nach dem Höchsten, aber niemand toleriert. Sie wollte nie so sein, war immer ein wenig fremd, anders als andere. Sie wollte nie so handeln, aber sie glaubt nicht, nicht an das irrationale und nicht an sich. Sie hat verlernt auf sich zu hören, denn sie waren immer da, waren immer lauter.
„Tu das nicht“, schreien sie, „wir haben so viel vor mit dir!“
„Nein“, denkt sie „diesmal gewinne ich“.
Die Eisblumen verdüstern den Raum.

von Lea O.

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  1. Niamh sagt:

    Wow. Danke für deinen Text. Deine Art zu schreiben geht unter die Haut.

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