[Alle Begebenheiten und Personen in diesem Stück sind frei erfunden]

(Drei Frauen mittleren Alters sitzen am späten Nachmittag im Sportcafe des städtischen Freibads und ziehen über ihre Kinder her)

Die Erste: Mein Sohn ist so dermaßen verlogen, dass ich mich jedes Mal schäme wenn ich mich mit ihm auf der Straße sehen lassen muss. Ständig gibt er vor den Leuten damit an, besonders vor nur flüchtig Bekannten, wie viel er doch verdienen würde in seiner Stelle als Bürokaufmann. Alles könne er sich leisten, sagt er, ein Zweitauto und sogar teure Urlaube nach Australien und Amerika. Dabei weiß ich doch ganz genau, dass seine Stelle in Kürze gestrichen und er nur noch bis September angestellt sein wird. Was dann danach ist weiß noch kein Mensch. Jedes Mal wenn ich zu ihm in die Wohnung komme, sehe ich dort stapelweise Zeitungen auf dem Küchentisch herumliegen und in jeder sind die Stellenanzeigen mit Notizen und Kringeln übersäht. Panik hat er, nichts anderes als die Panik. Überall stehen dort kleine Anmerkungen wie „interessant, aber evtl. nicht genug Qualifikationen“ oder „vielleicht mit etwas Glück“. Die alte Stelle hat er doch auch nur bekommen, weil er sich nach der Lehre mit seinem damaligen Chef dem Sieberer komplett verkracht hat und die Konkurrenz ihn dann nur aus purem Hohn mit einem unterdurchschnittlichen Gehalt eingestellt hat. Und dann hat der Versager seiner damaligen Lebensgefährtin auch noch ein Kind angehängt, weil er sie, als sie damals schon mit einem Fuß aus seinem Leben draußen war, doch noch irgendwie an ihn fesseln wollte. Jetzt sitzen die dort zu dritt in ihrer 50 Quadratmeterwohnung herum und schreien sich den ganzen Tag nur an, bzw. sie gemeinsam den Kleinen. An den Wochenenden kommt sie dann mit dem Fratz auch noch zu mir nach Hause und heult mir stundenlang die Ohren voll, dass der Rainer abends ständig nur im Wilden Mann hockt und sich mit dem Dobler und dem ältesten Buben vom Angermair die Birne wegsäuft. Nicht einmal genug Geld für einen anständigen Wocheneinkauf beim Spar bleibt da dann noch über. Wenn du mich fragst, wird die ihm bald einmal davonlaufen und die Alimente ihm schon noch herausklagen, Recht hätt sie ja eh.

(Sie nimmt mit der rechten Hand ihre Kaffeetasse, trinkt einen Schluck und gestikuliert anschließend wild mit der linken Hand)

Und sobald ich dann einmal mit dem Reiner reden will, hört er mir ja doch wieder nicht zu! Dann hält er mir vor, dass ich mich nur immer nur in sein Leben einmischen würde um mich von meinen eigenen Problemen abzulenken. Ich und Probleme: Ich! Das muss man sich einmal vorstellen, bitte! Dabei will ich ihm doch jedes Mal nur helfen sein Leben auf die Reihe zu bekommen. Ich muss mich ja nicht mehr um eine Zukunft für drei Leute kümmern. Ich mache jetzt halt noch meine letzten vier Jahre an der Kassa beim Schlecker und dann war’s das eh für mich. Und der Vatti ist ja schon seit zwei Jahren in der Pension, was er sich auch verdient hat. Wenn man sich einmal vorstellt was wir beide unser Lebtag geschuftet haben, damit es der Rainer gut gehabt hat – ein Wahnsinn. Und dann fällt dem Rainer nichts Besseres ein als uns vorzuhalten wir würden unser Leben vergeuden. Ja FÜR IHN haben wir es vergeudet, nicht wegen uns allein!

(Sie springt vom Stuhl auf und beginnt zu schreien)

Wenn wir IHN nicht ständig hätten durchfüttern müssen, ihm ständig seine Rechnungen und Behandlungen bezahlen, wegen dem Blödsinn den er regelmäßig aufgeführt hat, dann hätte das Leben vom Vatti und von mir um einiges anders ausgesehen, das kann er mir glauben!

(Sie setzt sich langsam wieder hin und schaut ziellos in Richtung Schwimmbecken)

Das könnt IHR mir glauben…

(Sie schaut in Richtung Publikum)

Dann wäre alles anders gelaufen.

(Sie nimmt ihre Kaffeetasse, nimmt einen Schluck, setzt sie ab und spielt ein wenig mit dem auf dem Tisch stehenden Salzstreuer)

Die Zweite: Du hast ja noch gut reden! Was soll ich den erst sagen? Jeden Tag wenn ich von der Arbeit heim komme, sitzen sie alle auf der Couch und warten bis ich das Abendessen gemacht habe. Keiner von ihnen würde auf die Idee kommen einmal selbst etwas vorzubereiten oder vielleicht mich zu fragen ob ich nicht auch lieber einfach auf der Couch sitzen und mir eine Serie anschauen möchte. Da sind die Petra und der Armin schon ganz gleich wie ihr Papa. Das haben sie sich von ihm schon abgeschaut seit sie noch ganz klein waren. Ich hab dem Heinz und ihnen in der Früh halt immer das Frühstück und die Jause gemacht bevor ich in die Arbeit bin. Und das obwohl der Heinz als Hausmeister unserer Anlage ja viel mehr Zeit gehabt hätte in der Früh, der muss sich ja schließlich nicht jeden Tag noch ins Auto setzen und im Stau 25 Minuten zum Dez runterfahren. Aber nichts. Der Heinz hat das seelenruhig jahrelang so haben wollen und deswegen haben die beiden Kleinen das dann natürlich schon von klein auf verinnerlicht gehabt, die Petra und der Armin. Dass die Mama eh die Blöde ist, die in der Früh springt und dann auch am Abend wieder springt wenn sie um halb sechs aus der Arbeit zurückkommt.

(Sie nimmt einen Zug von ihrer Zigarette, blickt in Richtung Publikum und deutet mit ihrer Zigarette vielsagend in Richtung Saalmitte)

Wisst ihr wie lange ich gebraucht habe um die beiden zu überzeugen, dass sie ihre Hausaufgaben gleich machen sollen wenn sie aus der Schule nach Hause kommen? Bis zur ersten Klasse Handelsschule! Aber wie hätte ich das denn bitte auch jeden Tag aushalten sollen, wenn ich sie dann abends auch noch hätte zwingen müssen die Hausaufgaben zu machen? So ist jetzt wenigstens ein Teil der Arbeit erledigt wenn ich nach Hause komme und der Heinz und ich schauen dann noch einmal gemeinsam drüber ob sie irgendwelche Fehler gemacht haben. Beim Armin geht das meistens eh recht schnell, nur die Petra macht uns da öfters Sorgen, vor allem mit dem Aufsätze schreiben hat sie es nicht so.

(Sie zuckt kurz zusammen als ein großes Stück Asche von ihrer Zigarette knapp neben ihrem Bein hinunterfällt, da sie vergessen hat diese abzuaschen. Sie wendet sich wieder den beiden anderen zu)

Auf jeden Fall verdiene ich in meiner Stelle als Filialleiterin im C&A eh fast das Doppelte von dem was der Heinz als Hausmeister nach Hause bringt, also könnte der sich ruhig einmal mehr daheim im Haushalt einbringen. Weder hat der Mensch je in seinem Leben einmal das Klo geputzt oder irgendwann einmal freiwillig die Wäsche gemacht. Das bleibt dann alles an mir am Samstagnachmittag nach dem Einkaufen hängen, wenn ich vielleicht auch lieber einfach auf dem Balkon sitzen und meine Zeitung lesen möchte. Aber nein, die Mama ist ja dann auch wieder die Blöde, und während die Kinder sich im Hof unten aufführen wie nur irgendwas und der Heinz mit den Nachbarn unten beim Kartenspielen sitzt, kann ich oben die Wäsche aufhängen, trocknen, bügeln und der einzige der dabei mit mir redet ist der Radio. Oft ist mir dabei dann so langweilig, dass ich wirklich meine Schwester die Ines anrufe und mir von ihr ihre unsäglichen Klatschgeschichten erzählen lasse.

(Sie verzieht das Gesicht und trommelt mit den Fingern nervös auf dem Tisch herum)

Und dabei weiß sie eh ganz genau, dass ich sie niemals anrufen würde, wenn ich sonst jemanden hätte der zu dieser Zeit, Zeit für ein normales Gespräch hätte. Die anderen sind ja alle außer Haus und machen irgendetwas das ihnen Spaß macht. Nie würde ich freiwillig auch nur irgendjemanden aus der Familie anrufen wenn nicht einer von denen Geburtstag hätte oder irgendein Bekannter gestorben ist. Da muss man sich dann halt melden, sonst hat man schnell wieder die schlechte Nachrede kleben, dass man undankbar wäre und ein asozialer Mensch. Dabei sind Familienstrukturen eh nur dazu da, damit sich ein Haufen Leute, der sich ansonsten nicht einmal auf der Straße grüßen würde, zusammenreißt und sich zwingt irgendwie miteinander am selben Tisch zu sitzen – ich seh’s ja beim Heinz, bei den Kindern und bei mir! Sicher, die Petra und den Armin hab ich natürlich schon ganz gern und ich freu mich ja auch wenn sie einmal zu mir kommen und sagen, Mama ich hab dich lieb, aber wie oft passiert das schon? Aber wie oft kommen sie nur zu mir wenn sie irgendetwas wollen oder sich über irgendetwas beschweren das ich anscheinend getan haben soll? Mit dem Heinz habe ich da eh auch schon des Öfteren drüber geredet. Sobald die Kinder 18 sind und ihr eigenes Geld verdienen, sollen sie sich beide irgendwo eine günstige Garconniere in der Stadt suchen und dann wird aus dem alten Zimmer von der Petra ein Raum für mich, wo ich dann in Ruhe meine Sachen machen kann. Da stelle ich mir dann auch eine Couch hinein, dann kann ich mich auch manchmal dort hinlegen wenn ich gerade keine Lust habe mich zum Heinz zu legen. Darauf freue ich mich schon am meisten. Aber leider wird das halt doch noch so um die zwei Jahre dauern. Zweieinhalb.

(Sie löscht ihre Zigarette und lehnt sich zurück)

Die Dritte: Ja, aber ich meine, auch wenn sie euch alle auf die Nerven gehen, ihr habt wenigstens noch beide irgendwen daheim. Wenn ich abends heim komme, wartet da niemand mehr, nicht einmal mehr darauf, dass ich ihm das Abendessen mache. Seit der Florian vor sechs Jahren ausgezogen ist und jetzt in Chemnitz wohnt, passiert bei mir zuhause nicht mehr viel. Ich meine, am Anfang habe ich ja noch gesagt, soll er doch nach Chemnitz gehen – er hat dort eine ganz gute Stelle gefunden bei der UNION als Entwickler. Hier hat er ja die längste Zeit nichts gefunden und ist jahrelang nur von einer Probestelle zur nächsten weitergereicht worden. Aber seit es ihm dort zu laufen begonnen hat, meldet er sich überhaupt nicht mehr und wenn ich einmal versuche ihn anzurufen, ist er immer nur kurz angebunden und vermittelt das Gefühl, dass er eigentlich immer gerade etwas Wichtigeres zu tun hätte als mit mir zu reden. Nicht einmal wenn ich ihm etwas über meine Arbeitssituation erzählen will, kommt mir vor, dass er mir wirklich zuhört. Als ich ihm erzählt habe, dass mir die vom Adler vor ein paar Wochen ein Kündigungsschreiben geschickt haben, in dem sie mir mitgeteilt haben, dass ich aufgrund eines umfassenden Stellenabbaus und zu geringem persönlichem Einsatz für den Betrieb ab August gekündigt bin, hat er auch nur mit einem halben Ohr zugehört und irgendetwas gesagt von: Aha, ja da schauen wir noch, das wird schon werden. Was soll denn da bitte noch groß werden? Ich bin jetzt 56 und werde so schnell mehr nirgends genommen. Mit meinem Gehalt und dem bisschen was der Florian früher mit seinen Probestellen verdient hat, sind wir ja auch nur immer gerade so durchgekommen. Früher, als der Ernst noch am Leben war, bevor er dann im Herbst 2003 seinen Schlaganfall gehabt hat und gestorben ist, da wäre sich das alles noch irgendwie ausgegangen, aber jetzt bin ich alleine und kann mir die Wohnung so sicher nicht mehr lange leisten. Das bisschen was ich vom Ernst und mir noch auf der Seite habe, reicht vielleicht noch für die Miete von zwei, drei Jahren, aber was mache ich dann? Soll ich jetzt auf meine alten Tage noch anfangen stempeln zu gehen? Und wenn ich mir die private Vorsorge jetzt schon auszahlen lasse, die ich damals vor 25 Jahren angefangen habe, bekomme ich auf jeden Fall viel weniger heraus als ich eigentlich bekommen sollte.

(Sie dreht ihre Kaffeetasse auf dem Tellerchen hin und her)

Ich mein, was soll denn das alles? Als ich damals mit 16 mit dem Florian schwanger geworden bin, habe ich so früh es gegangen ist wieder beim Adler mit der Arbeit angefangen. Über 40 Jahre bin ich jetzt in der Firma und habe mich nie über irgendetwas beschwert. Ich hab sogar nichts gesagt, als sie der Halder Michaela – die müsstet ihr eh noch kennen, die hat ein paar Jahre nach mir beim Adler angefangen – die Stelle gegeben haben, die sie davor eigentlich mir versprochen gehabt haben. Und das obwohl die erst viel, viel später in den Betrieb gekommen ist und immer viel weniger geleistet hat. Und trotzdem hat die dann den neuen Personalleiterposten mit dem besseren Gehalt bekommen, den eigentlich ich so dringend gebraucht hätte. Nicht einmal da hab ich irgendwem einen Vorwurf gemacht!

(Sie nimmt ihre Tasse und trinkt sie in einem Zug aus)

Und jetzt nach dieser ganzen Zeit schmeißt mich genau die Halder raus! Der Florian versteht das alles nicht, oder es ist ihm einfach egal. Ich meine, was denkt er sich denn eigentlich? Dass ich jetzt einfach noch irgendwo so leicht eine neue Ausbildung anfangen und dann mit 60 in einen anderen Betrieb einsteigen kann?

(Sie schaut in Richtung Publikum und beginnt zu schreien)

Mein Leben lang habe ich nur gearbeitet und nie von irgendwem irgendeine Unterstützung verlangt und jetzt stehe ich da und keiner sagt auch nur einmal Danke zu mir! Meine Geschwistern, der Leo und die Sabine, kümmert das anscheinend auch nicht. Die Leben ihr Leben und ich lebe meins! Das Leben ist halt keine Nudelsuppe, sagt der Leo dann immer und erzählt mir von seinen zwischenmenschlichen Problemchen im Kegelverein, als ob mich das auch nur irgendwie trösten würde! Und die Sabine lässt sich schon seit den letzten 10 Jahren von ihrem neuen Typen aushalten. Der hat sie doch auch nur genommen, weil er inzwischen schon Ende 60 und sie 30 Jahre jünger ist. Wenn ich gewusst hätte wie viel das alles genau bringt, wäre ich von Anfang an abgehauen und hätte mich nur um mich gekümmert!

(Sie beruhigt sich langsam und schaut wieder auf ihre jetzt leere Kaffeetasse)

Jetzt ist halt alles zu spät und ich muss schauen wie ich noch irgendwie die letzten Jahre herumkriege.

Die Erste (zögerlich, nach einigem überlegen): Ja das müssen wir alle irgendwie…aber irgendwie wird das schon gehen. Irgendwie wird das schon alles wieder.

Die Zweite (aufmunternd): Ja, weil ich meine, wir waren unser Leben lang ja alle drei immer fleißig, haben gearbeitet und versucht alles halbwegs richtig zu machen. Das würde doch keinen Sinn ergeben wenn das jetzt alles umsonst gewesen sein sollte.

Die Dritte: Vielleicht ja, aber ich meine…

Die Zweite (unterbricht sie): Doch, das wird sicher wieder! Schließlich kommt alles irgendwann irgendwie wieder zu einem zurück!

(Anhaltendes, tosendes Gelächter aus dem Publikum)

(Nach einer Minute wird der Vorhang zugezogen)

Der Kellner (laut, hinter dem Vorhang): Meine Damen, bitte austrinken! Wir machen in ein paar Minuten Sperrstunde.

Eingereicht von David P. am 7. Okt. 2012 – © David P.

Situation 1 – Kurzschauspiel für 4 Personen
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