Es wird Ihnen in Anbetracht der Tatsache, dass er jeden von uns einmal erwischt – ob früher oder später ist hierbei prinzipiell nicht von besonderer Bedeutung – wohl kaum ein Mensch begegnen, der noch nicht über den Tod nachgedacht hat.
Ich möchte jetzt nicht das Thema Sterben auf behutsame Weise ansprechen, tiefgründige Gedanken äußern, geschweige denn Sie in irgendeiner Weise vertrösten und Ihnen erzählen, dass Sie Ihr Leben in vollen Zügen genießen und ausgestalten sollen bis zur letzten Sekunde, wir alle müssen eines Tages gehen, Sterben tut bestimmt nicht weh, Sie treten Gott gegenüber…Schwachsinn; Ich bin schließlich nicht die Seelsorge.
Dazu haben zu viele Menschen viel zu schlechten Sex, sind unzufrieden mit ihrem eintönig gestalteten Nine-to-Five-Job und an Selbstbewusstsein oder Zufriedenheit ist bei diesen zahlreichen hoffnungslosen Fällen sowieso nicht zu denken.
Aber ich möchte Ihnen allen herzlich versichern:
Wenn mein Leben bis zum Ende so ausgesprochen scheiße verlaufen würde, dann hätte ich auch Angst vor dem Tod.
Doch bevor Sie nun voreilige Schlüsse über den Tod ziehen, betrachten Sie doch mal die ganze Sache aus seiner Perspektive – Wollten Sie seine Unternehmungen etwa leiten?
Setzen wir uns alle einmal mit ihm auseinander – in Ruhe gegenüber; Angesicht zu Angesicht –, aus Höflichkeit wird er Ihnen natürlich eine Zigarette anbieten und auch als Werbegeschenk, da Lungenkrebspatienten sich stets als treue und zuverlässige Kunden erweisen.
(An dieser Stelle ist natürlich zu bemerken, dass die moderne Medizin definitiv eine Konkurrenz darstellt, die bestimmte Vertragsabschlüsse leider immer wieder kurzfristig zum Scheitern bringt und alte Laufzeiten verlängert – ohne genaue schockierende Zahlen zu nennen, es ist wirklich ein Dilemma.)
Der Tod spielt – um es wortwörtlich auszudrücken – in unserer Gesellschaft die Rolle des Arschlochs. Sozusagen Ihres Chefs, der alle feuert.
Allerdings nicht weil sein Unternehmen pleite geht. Sondern weil es boomen muss.
Es muss ertragreich sein.
Nicht dass der Tod, unser Anzugträger mit seiner schwarzen Aktentasche voller Sterbedaten, vom Firmengewinn eine Familie zu ernähren hätte. Er hatte schon mit vielen Frauen Verträge abgeschlossen, von Ehe war hierbei allerdings wohl nie die Rede, wenn Sie verstehen, was ich meine.
Aber er ist und bleibt ein Unternehmer von enormer Bedeutung.
Ja, der Tod muss wohl männlich sein. Da Gott eindeutig eine Frau sein muss – Machen Sie sich nicht die Mühe, jegliche Hintergründe zu erfragen, ich versichere Ihnen, dass alle Angaben dieses Textes der Wahrheit entsprechen und es reiner Zufall ist, dass seine ausgesprochen gutaussehende Autorin selbst eine Frau ist -, muss der Tod wohl männlich sein.
Und wenn wir an dieser Stelle schon mit dem Gerücht aufräumen, dass er in einem schwarzen Umhang und mit einer Sense daherkommt, können wir auch gleich das klären.
(Die Sense und der Umhang waren seine lausigen Anfänge, eine Marketing-Idee, die sich letztendlich aufgrund mangelnder Seriosität nicht durchgesetzt hat.)
Der Tod liebt im Übrigen seinen Job.
Klar, die Arbeit ist wie bereits erwähnt entspannter geworden, seitdem den geistreichen Kleinbürgern unserer Gesellschaft von der Pharmaindustrie und den essgestörten Fitnessgurus des Teleshopping über Gehirnwäsche vermittelt wird, dass sie mit dem richtigen Lebensstil unsterblich werden.
An dieser Stelle wird der Tod sich wohl kurz räuspern müssen und er erwähnt noch einmal, dass er früher oder später mit jedem von Ihnen Geschäfte abschließen wird.
Er möchte auch mit einem weiteren Gerücht aufräumen: Der Tod hat nichts mit Gott zu tun.
Jegliche Versuche für Beziehungen geschäftlicher Art sind in den vergangenen Jahren gescheitert.
Besser so, erklärt der Tod; Er möchte nichts mit Religiösen zu tun haben.
Es sei denn, sie erleiden einen Herzinfarkt. Räusper.
Der Tod erklärt Ihnen seine Arbeit dennoch als Ernst zu nehmenden Fulltime-Job.
Er muss immer bereit sein, immer im Einsatz.
Betrachten wir allein die Infrastruktur von heute: Man muss das gesamte Autobahnnetz immer im Blick haben, nur für den Fall, dass einer von Ihnen einen tödlichen Unfall baut. Da muss man schon zur Stelle sein, nicht dass einem noch so etwas wie Sanitäter in die Quere kommen.
Furchtbar. Die heutigen Rettungsdienste sind schrecklich zuverlässig geworden und es gibt eindeutig zu viele davon.
Ja, meint der Tod an dieser Stelle, man hätte es wohl nicht mehr so einfach wie früher in dieser Branche.
Ein weiterer unangenehmer Fakt an seinem Beruf ist wohl – Nein, an dieser wird er mich wohl korrigieren dürfen, seiner Berufung – das, was der Tod alles ansehen und mitbekommen muss.
Nun beim besten Willen, glauben Sie bloß nicht, dass sie beim Sterben besonders sanft, schön oder gar friedlich aussehen. Nun werden Sie einwerfen, wenn Sie doch seelenruhig im Bett einschlafen würden,…
Nein! Was haben wir alle schließlich auf grausame Weise im Biologieunterricht erfahren: Wenn wir sterben, funktioniert unser Schließmuskel nicht mehr.
Nähere Erläuterungen lasse ich an dieser Stelle aus.
Wenn Sie bei nächster Gelegenheit einem Bestatter begegnen, umarmen Ihn sie ihn doch bitte und loben sie ihn für sein großartiges Tagewerk; Wir würden ohne diese Jungs wohl alle reichlich beschissen von dannen gehen. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Apropos: Haben Sie bereits einmal eine Bestattung besucht?
Der Tod tut dies lange schon nicht mehr, erklärt er. Dieser ganze Arbeitsaufwand, damit er sich beleidigen lassen muss?
Der Verstorbene sei viel zu früh dahingeschieden?
Nein, und das wird Ihnen der Tod inbrünstig versichern, er ist ein pünktlicher Geschäftspartner und das lässt er sich von keinem nehmen.
Aber solche Aussagen treffen ja nur Pfarrer.
Und über Religiöse sprachen wir uns, wie wir hier anwesend sind, heute bereits aus.
Der Tod hat allerdings auch von makaberen Begebenheiten zu berichten.
Oder wussten Sie, wie viele Menschen durchschnittlich durch Herz–Kreislauf-Zusammenbrüche beim Geschlechtsverkehr sterben? Tja, wenn Ihr gegenüber Sie das nächste Mal eher weniger zufriedenstellt, lassen Sie sich auf das wilde Treiben ruhig ein – Sie könnten es gleich ganz los sein, der Morgen danach hätte sich quasi von selbst erübrigt.
Sehen Sie ruhig die Vorteile am Tod. Er kann sehr sympathisch sein, wenn man sich nur genug mit ihm einlässt.
Zum Kaffeekränzchen bei der Schreckschraube von Schwiegermutter eingeladen? Nichts da! Überlassen Sie das ruhig dem Tod. Er könnte sich unter gewissen Umständen darum kümmern.
Doch nun Spaß beiseite:
Wenn Ihnen das nächste Mal der Tod in irgendeiner Form – Vielleicht auch seiner reinsten, ich weiß nicht, wie alt Sie sind – begegnet, zeigen Sie Respekt.
Denn begegnen wird er Ihnen. Das ist schließlich sein Job.

© Antonia Schade

Ein Gespräch mit dem Tod 4.00/5 (80.00%) 1 vote

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