Dass ich ihn vermisste, hieß nicht, dass ich ihn mochte. Es hieß bloß, dass das Leben ohne ihn irgendwie anders war. Irgendwie noch ein bisschen leerer als sonst. Wenn er nicht da war, hatte mein Gehirn nichts zu tun und die Atmosphäre in meinem Kopf schien sich in Vakuum zu verwandeln – ein Umstand, der mir das Denken unmöglich machte. Aber so war es nun mal: Er war nie wirklich Teil meines Lebens gewesen, und doch hinterließ er darin eine gähnende Leere, ein Nichts. Wir hatten uns in all den Jahren, die wir uns nun schon kannten, nur an einem einzigen Tag gesehen, doch dieser Tag war möglicherweise wertvoller als mein ganzes Leben. Es war letzten Sommer gewesen, und doch schien es mir, als ob seitdem keine zwei Stunden vergangen waren. Diese Sekunde, in der ich mich gänzlich verwirrt umwandte und in ein ebenso verwirrtes, nach Rasierwasser duftendes Gesicht sah, würde für immer in meinem Gehirn gespeichert bleiben, ähnlich einem Gestein, das über Jahrmillionen Fossilien speicherte. Doch auch Fossilien begannen sich irgendwann zu verändern. Und so ging meine Fantasie immer öfter mit mir durch und versuchte beinahe krampfhaft, das Undefinierbare zu definieren. Was war an diesem brennend heißen Sommertag zwischen uns passiert? War überhaupt etwas passiert, oder war ohnehin alles so wie vorher, als sich unsere Identität aus Profilen in sozialen Netzwerken zusammensetzte und die Meinung, die wir voneinander hatten, von dem jeweiligen Satz in der Statuszeile bestimmt war. Je nachdem, ob wir uns gut oder schlecht fühlten wurde die leere Zeile, in der im Hintergrund „Wie geht es dir?“ flimmerte, mit einem lachenden oder weinenden Emoticon aufgefüllt, und so lachten wir oder trösteten uns entsprechend. Mein Leben wurde immer mehr von seinem bestimmt, und es schien, als ob ich ohne Kontakt zu ihm keinen Grund mehr hatte, zu existieren. Während sich also mein Leben langsam veränderte und an mir vorbeizog, verlor ich mich in nach Rasierwasser duftenden Tagträumereien. Ich begann, mir auszumalen, wie es wäre, auf seiner Insel zu leben, und ob das Essen dort wirklich so schlecht und der Humor wirklich so trocken war wie alle sagten. Doch eigentlich war mir alles egal. Wenn schlechtes Essen die Bedingung dafür war, mit ihm zusammen zu sein,  würde ich sogar das in Kauf nehmen. Wie wäre es wohl, jeden Abend neben ihm einzuschlafen, in der Gewissheit, dass er am nächsten Morgen noch da war? So musste wohl das Paradies sein, der Zustand den es zu erreichen galt, obwohl er unerreichbar war. Nun verstand ich auch, warum Adam und Eva das Paradies verlassen mussten – sie hatten einen Fehler gemacht. Und mir wurde schnell klar, dass ich mich jetzt in einer ähnlichen Situation befand. Ich hatte sozusagen durch die Begegnung mit ihm den Apfel des Verderbens gekostet, und müsste nun eigentlich in hohem Bogen von der Erde geworfen werden. Aber nichts dergleichen trat ein, und ich war nicht sonderlich froh über mein weiteres Verbleiben unter den Lebenden, denn mein Leben stank nach Misserfolgen, und früher oder später würde dieser Gestank jedes noch so ausgezeichnet duftende Rasierwasser übertönen, wenn ich nichts dagegen unternahm. Ich versuchte also, den Tagträumereien und der stinkenden Leere, die er hinterlassen hatte, zu entkommen. So begann ich mir auszumalen, welche Wendung mein Leben ohne ihn gefunden hätte, doch obwohl uns über tausend Kilometer und ein Ozean trennten, könnte man meine Versuche, ihn unauffällig samt Gestank und geistigem Vakuum aus meinem Leben verschwinden zu lassen, als durchwegs zwecklos bezeichnen. Diese ähnelten wahrscheinlich der Bewegung eines Quietscheentchens, das versuchte zu tauchen, aber immer wieder an die Wasseroberfläche glitt. Das zutiefst Lächerliche daran war, dass er von alldem unberührt schien und weiterhin imstande war, ein mehr oder weniger normales Leben zu führen. Es hatte den Anschein, als ob sein Leben auch ohne mich wie am Schnürchen lief, aber ich wusste nicht, ob das die Realität oder nur wieder eine seiner perfekt inszenierten Fassaden war. Er war unbestrittener Meister der Vertuschung, zeigte niemals Gefühle irgendwelcher Art, und wenn ihm trotz allem doch ein Hauch von Emotion entkam, wurde dieser sogleich mit einem Schwall von Entschuldigungen überschüttet. Ich wusste nicht, ob das was zwischen uns war, überhaupt als Freundschaft oder gar Liebe kategorisiert werden konnte, denn es gab oft Momente, in denen wir uns gänzlich fremd waren, und doch wussten wir beide, dass die Gegenwart des Anderen – zumindest auf geistiger Ebene – notwendig war, um das Leben zu meistern und nicht in ewige Dunkelheit einzutauchen. Er war meist sehr objektiv und gefühlskalt, ja beinahe apathisch. Man könnte diese seelische Kälte sicher, wie jede andere Eigenschaft auch, auf seine Nationalität schieben, aber ich war wohl einfach nicht naiv genug, dieses klischeehafte Stereotyp zu schlucken. Den undefinierbaren Schatten, der das ganze Leben überzog und wie ein riesig großer Felsen auf den Schultern lastete, manchmal so, dass man unter der Last zusammenbrach, diesen Schatten gab es nicht nur in meinem Leben – auch seines wurde davon überzogen, und vielleicht war es nur eine Frage der Zeit, bis einer von uns beiden davon verschluckt wurde. Ich bemerkte, dass ich mich immer öfter der Anziehungskraft des Schattens hingab, und so meist nur noch körperlich an meinem Leben teil hatte. Meine einzige, alles übertönende Hoffnung bestand darin, ihn noch einmal wiederzusehen, seinen Atem nur einmal noch auf meiner Haut zu spüren, und seinem sonst so emotionslosen Gesicht ein schales Lächeln zu entlocken. Doch ich wusste, dass diese Hoffnung zum Scheitern verurteilt war. Wie sollte ich je dem gesellschaftlichen Gespinst an Erwartungen entkommen, das mich zwang, immer zu gehorchen und mir keine Luft zum Atmen ließ? Meine Gedanken waren eingeengt in gesellschaftlichen Konventionen, welche zu brechen mit Selbstmord zu vergleichen war. Erfüllte man die gesellschaftlichen Erwartungen nicht, wurde man notwendigerweise geächtet. Doch auch wenn man perfekt funktionierte, war man andauernder Kritik und verbalen Schlägen ausgesetzt, die auf einen niederprasselten und tausendmal mehr schmerzten als jede Form körperlicher Gewalt. Wahrscheinlich befand er sich in einer ähnlichen Situation, und dennoch schaffte er es im Gegensatz zu mir, dem Schatten nicht nachzugeben und das Leben als wertvoll zu empfinden. Doch für mich war das Leben nichts als eine Ansammlung von Zufällen, die sich im Laufe eines Lebens auftürmten und so das ausmachten, was manche als „Schicksal“ bezeichnen würden. Es gab keinen Grund für mich, noch länger gegen den Schatten anzukämpfen, da ich der festen Überzeugung war, dass dieser mich früher oder später ohnehin einholen würde. […]

Dezember 2013
© Rimi

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